Die Förderung von Fantasie stellt zudem einen wichtigen Schwerpunkt in der Erziehung von Kindern dar. Ein plastisches Vorstellungsleben bildet zum einen die Grundlage der Kreierung kognitiver Lösungswege, was bspw. im mathematischen Schulbereich notwendig ist. Doch auch im Sozialen wirkt Fantasie sehr förderlich, denn nur wenn die Vorstellung einer anderen Sichtweise gewonnen werden kann, kann auch Toleranz und Verständnis für das Gegenüber entwickelt werden.

Das Spiel ist das zentrale Element des Kindes, Fantasie zu entwickeln. Einem Kind gelingt es in der Regel problemlos, in ein Spiel zu versinken und durchlebt die jeweilige Situation mit Haut und Haaren, es sei denn, es wird daran gehindert. Damit sich die kindliche Fantasie frei entwickeln kann, müssen die Gegenstände der Umwelt so zurückhaltend wie möglich gestaltet sein. Eine komplett ausgestaltete Puppe mit Schlafaugen, vorgegebener Mimik und Sprachwiedergabe verhindert die freie Ausprägung des Spiels. Stolz werden hier elektrisch betriebene Funktionen beworben, als ob ein Spielzeug ohne Batterien für das Kind funktionslos sei. Ein einfacher Stock aus dem Wald kann beispielsweise als Angel, Schwert, Zauberstab oder Kochlöffel zu gebrauchen sein. Ein festgeprägtes und für eine Funktion ausdetailliertes Kunststoffspielzeug lässt dies nicht zu. Zudem ist eine natürliche Struktur vorstellungsmäßig weitaus formbarer als eine glatte, monochrome Oberfläche.

Volksmärchen lassen durch ihre besondere Sprache beim Vorlesen innere Bilder im Kind entstehen. Diese wirken nicht beängstigend, da diese Bilder dann Eigentum der Kinder selbst sind. Im Gegensatz dazu wirken äußere Bilder, wie sie etwa durch Filme herangetragen werden, durchaus erschreckend. Es gilt hier, einen Bewusstseinswechsel zu vollziehen und nicht von der Verarbeitung- und Vorstellungsfähigkeit eines Erwachsenen auszugehen. Nicht die Vereinfachung und letztlich Abstrahierung von Gegenständen soll in der Gestaltung für Kinder das Ziel sein, sondern die Ermöglichung des eben beschriebenen Raumes für das Kind. Objekte und Räumlichkeiten für Kinder sollen eben nicht in erster Linie bunt, laut und pflegeleicht sein, sondern sollen für das so wichtige Spiel des Kindes einen möglichst würdevollen und liebevoll gestalteten Rahmen darstellen.

Ihr sagt: “Der Umgang mit Kindern ermüdet uns”.
Ihr habt recht.
Ihr sagt: “Weil wir zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen müssen.
Hinuntersteigen, uns herabneigen, beugen, kleiner machen.
Ihr irrt euch. Nicht das ermüdet uns.
Sondern dass wir zu ihren Gefühlen hinaufsteigen müssen. Hinaufsteigen, uns recken, uns auf Zehenspitzen stellen, hinaufreichen. Um nicht zu verletzen.

Janusz Korczak